Einreise mit Kamelfleisch… – Somalische Ehemalige zu Gast im Studienkolleg (FSP 1980)!

Als Faduma Mohamed und Mohamed Aden, zwei ehemalige Kollegiaten aus dem Jahr 1979, beginnen, aus ihrem bewegten Leben zu berichten, wird es ganz still im MF2-Kurs.

„Ich wurde in einem kleinen Dorf in Somalia geboren und wuchs dort auf – einem Dorf ohne Zahnarzt.

Später machte ich dann mein Abitur in der Hauptstadt Mogadishu.“, erzählte Faduma. Aufgrund der anfänglich guten Beziehungen zwischen der UDSSR und Somalia entschloss sie sich zu einem Studium in Russland, wo sie Mohamed im Sprachkurs kennenlernte.

Mohamed stammte wie sie aus einem kleinen somalischen Ort, wo man nach dem Geburtsdatum nicht gefragt wurde. Normalerweise gebaren die Frauen ihre Kinder irgendwann alleine unter einem Kamel, ohne dass irgendein Datum notiert wurde.

Da man für die Bewerbung zum russischen Studium ein Geburtsdatum verlangte, beschloss Mohamed kurzerhand das Datum der somalischen Revolution (den 21.10.) anzugeben, das konnte er wenigstens nicht vergessen…

Als ihm seine russischen Lehrer an seinem bald nicht mehr erinnerten „Geburtstag“ Blumen und Präsente überreichten, war er ganz gerührt, dass man in Russland die somalische Revolution „so“ feierte – und verwundert, dass seine somalischen Kommilitonen leer ausgingen. Nach 7 Monaten in Russland verschlechterten sich die somalisch-russischen Beziehungen jedoch so rapide, dass Faduma und Mohamed nach Somalia zurückkehrten, und sich für ein Deutschlandstudium bewarben. 1978 traten sie ihre Reise dorthin an.

 

Mohammed-u-Faduma (1)

 

Die Ankunft zu einem Sprachkurs des Goethe-Instituts bleibt insbesondere Faduma unvergessen. Nicht nur, dass sie zum ersten Mal in einem Zimmer ALLEIN schlafen sollte (in Somalia und im russischen Wohnheim unvorstellbar), eines nachts entdeckte sie im Bad in einem Glas die dritten Zähne (ihrer älteren Nachbarin). Da es in ihrem Heimatdorf keinen Zahnarzt gegeben hatte, sah sie sich im ersten Moment wirklichem Spuk ausgesetzt…Faduma im Stuko

1978 erreichten beide schließlich den Zugang zum M-Kurs des Studienkollegs und schlossen ein Studium der Agrarwissenschaften in Gießen an, wo sie bis 1986 blieben.

Auch wenn sie während der Studienkollegszeit schon mit vielen kulturellen Kuriositäten konfrontiert wurden, eröffnete ihnen das Studium und das danach zu absolvierende Praktikum eine „neue“ Welt, in der sie nicht geschont wurden. Auch als Muslime mussten sie die Grundlagen der Schweinezucht praktisch erlernen: „Ihr müsst machen, was alle machen!“

Der berufliche Start als Leiter eines Agrar-Büros in Somalia nach der Rückkehr in ihr Heimatland fiel ihnen nicht so leicht, wie erwartet. Plötzlich fanden sie sich mit einer anderen Gesprächskultur Mohamed Aden im Stukokonfrontiert, wo es, so Faduma, primär um somalische sich ständig wiederholende „Ehepolitik“ ging. Als sie ihre Mitarbeiter um eine relative Pünktlichkeit bat, galten sie plötzlich als „die Deutschen“. Faduma lacht: „Wenn die Deutschen gehört hätten, dass wir auf einmal deutsch sein sollten…!“

Die Umsetzung der deutschen Ausbildung in der somalischen Landwirtschaft erwies sich manchmal als so schwierig, dass man ihnen mit Gefängnis drohte, wenn sie sich nicht den somalischen Gewohnheiten unterordneten. Faduma erklärte dem MF2-Kurs jedoch mit überzeugter Stimme: „Wenn du nicht den Mut hast, aufzustehen und für deine Meinung einzustehen, kannst du nichts verändern. Ich wäre auch bereit gewesen, ins Gefängnis zu gehen…“

 

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1989 brach Krieg in Somalia. Mohamed und Faduma entschlossen sich mit ihren inzwischen zwei Kindern, nach Deutschland zurückzukehren. Ihr Asylantrag wurde jedoch abgelehnt. Sie erhielten lediglich eine ausschließliche Aufenthaltsgenehmigung als Dolmetscher und halfen mit Übersetzungen in einem Gießener Flüchtlingslager.

Doch auch damals erhielten Neonazi- und Skinheadgruppen immer mehr Zulauf und es kam zu Brandanschlägen auf mehrere Flüchtlingsheime. Aus Angst um die Zukunft ihrer Kinder in Deutschland, entschlossen sie sich nach Kanada auszuwandern. Nach 5 Jahren wurden sie Kanadier und leben noch heute in Toronto.

Faduma arbeitet seit 10 Jahren bei einer kanadischen Gewerkschaft, um Neuankömmlingen bei der Integration zu helfen.

Um andere von ihren Erfahrungen profitieren zu lassen, gründete Mohammed das Schulprojekt HIMILIO in Somalia und reist durch ganz Europa, um für finanzielle Unterstützung des Projekts zu werben. Wir möchten auch hier unsere Leser ganz besonders um Ihre Förderung bitten. Nach Deutschland sollte es weiter nach Schweden und Finnland gehen.

Weitere Informationen zu diesem Projekt finden Sie unter: http://www.himilo.ca/

HIMILIO

Auf die Frage von Anastasia Serebriakova, was Mohamed und Faduma ihnen für ihr Leben mitgeben wollten, zögert Mohamed nicht:“Lernt die Sprache gut!“ Und Faduma fügt hinzu „…und wichtig ist zu träumen! Manchmal muss man sich auch für seine Träume einsetzen und sehr fokussiert sein.“ Wenn man Medizin studieren wolle, heiße es manchmal harte Arbeit, aber am Ende lohne es sich. Ganz wichtig seien Freunde und offen für alle neuen Aktivitäten zu sein. So wurde Mohamed sogar einmal Präsident eines Kegelvereins, zu dem sie noch jetzt nach 20 Jahren Kontakt hatten. Wenn sie nach Deutschland kamen, trafen sie diese alten Freunde oder einige hatten sie schon in Toronto besucht. So bestand auch noch immer enger Kontakt zu ihrer ehemaligen Lehrerin Maria Roth. Faduma bekräftigte mit Nachdruck: „Wenn ihr Freunde habt, wird euch immer geholfen. Bleibt in Kontakt und macht viele Fotos! Nutzt eure Smartphones. Die gab es zu unserer Zeit noch nicht!“

Die Begegnung mit Faduma und Mohamed hinterließ bei uns allen einen sehr starken Eindruck, vor allem wie beide trotz aller Rückschläge im Leben, sich immer wieder auf den Weg machten, ihre persönlichen Ziele und Überzeugungen zu verfolgen und ihr Glück zu suchen und dies auch gelang. Wir danken den beiden ganz herzlich für ihr Zeit und Bereitschaft ihre Erfahrungen mit uns zu teilen.

MF2-Kurs 2015